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Die Senftenberger und „ihr“ Theater

Freitag, 25.11.2011
Das Foyer des Theaters, etwa 1948, welches  schnell zum  neuen Kommunikationszentrum unserer Stadt wurde. (privat)
Das Foyer des Theaters, etwa 1948, welches schnell zum neuen Kommunikationszentrum unserer Stadt wurde.
privat

Aus der Theatergeschichte von Hans-Peter Rößiger

Oberspreewald-Lausitz/Senftenberg/Altdöbern/Großräschen/Lübbenau/Spreewald. Es war eine Zeit großer wirtschaftlicher Not, als die Senftenberger Bürger erstmals von der Gründung eines Mehrspartentheaters in ihrer Stadt hörten. Da kam der Eine oder Andere schon ins Grübeln, ob dies denn in Anbetracht der Situation wirklich notwendig sei. Und so Mancher, der da meinte, jetzt endlich berufen zu sein, äußerte deutlich seine Bedenken, wie der in Calau residierende Landrat. Aber auch in Senftenberg selbst waren es die nun gesellschaftlich Abberufenen, welche den Neuen ein solch großartiges Projekt nicht gönnten und deshalb ihr Unverständnis unüberhörbar deutlich machten.

Damals jedoch waren die wirklich Mächtigen auch die Vernünftigen. Eine solche Konstellation hat man ja selten genug. Und deshalb ließen sie sich in ihrem Wollen von keinem noch so scharf formulierten Vorwurf der Verschwendung von anderweitig so dringend benötigten Mitteln beirren. Sicher, der Großteil der Senftenberger Einwohnerschaft hatte andere Sorgen und beobachtete anfangs diesen Vorgang ohne größere Emotionen. Doch gab es auch eine Vielzahl jener, die es kaum erwarten können, dass es in Senftenberg wieder Theater zu erleben gibt.

Es waren die Senftenberger, welche vor dem 2. Weltkrieg die Aufführungen der „Dramatischen Vereinigung“ und die im Gesellschaftshaus stattfindenden Konzerte regelmäßig besucht hatten. Handwerker, Kaufleute, Eisenbahner, Behördenangestellte, Ärzte und auch so manch Arbeiter aus Fabrik oder Grube. Wer etwas mehr vom Leben haben will, der ist da, wo das Leben gelebt, dessen Farbigkeit in lebendigen Bildern gezeigt wird.

Als dann der Tag der Eröffnung feststand, gab es ein Rennen nach den Theaterkarten. Alle wollten dabei sein, wenn sich in Senftenberg erstmals nach dem Krieg, wieder ein Vorhang hebt. Und möglichst ein Premierenabonnement sollte es sein. Und wenn dies nicht mehr möglich war, dann das Anrecht auf eine der nächsten Vorstellungen. Das Theater wurde so ganz schnell nicht nur zu dem gesellschaftlichen Ereignis, sondern auch zu dem Ort der Kommunikation in der Bergbaustadt.

Es gab und gibt sie noch, die Senftenberger, die die ersten Schritte dieses heute so einmaligen Hauses mitgegangen sind, wie der leider mittlerweile verstorbene langjährige Obermeister der Fotografeninnung Martin Schroetel. Er erinnerte sich in unseren Gesprächen: „Für viele Senftenberger war es ein Muss ins Theater zu gehen. Es gab für uns damals die unterschiedlichsten Beweggründe. Wo noch gab es soviel amüsante Unterhaltung, so viel Abwechslung vom doch nicht so leichten Alltag, ja, soviel Optimismus? Und hier konnte man sich wieder festlich kleiden und traf doch immer wieder Gleichgesinnte. Hinzu kam, dass wir als Vertriebene, die wir hier ein neues Zuhause suchten, unsere neuen Mitbürger, welche ja eigentlich die alten waren, kennen lernen wollten. Wir wollten doch möglichst schnell Ankommen in der Niederlausitz.“

Er übergab mir seine Tagebuchaufzeichnungen, wo sämtliche Theaterbesuche terminiert festgehalten sind. Da waren drei Theaterbesuche in der Woche nichts Außergewöhnliches. Und sein Bruder der Goldschmiedemeister Joachim Schroetel erinnerte sich: „Jeder Abend im Theater war ein besonderer, war ein schöner. Man ging immer festlich gekleidet und wenn es eine umgenähte Militäruniform war.“ Auch der verdienstvolle Senftenberger Chirurg Dr. Brosig war von Anfang an dabei. Er erzählte, dass die Frauen oftmals am Vorabend noch an ihren neuen Kleidern nähten, um einen Abend später die Senftenberger Frauen- und Männerwelt mit eigenen, neuen Glanz zu begeistern. Und weiter erinnerte er sich: “Damals in den 40-ern, alle 14 Tage eine Premiere; dass war das Ereignis, welches man immer wieder wahrnahm. Und man war so dankbar.“ Und er bemerkte, dass es zum guten Ton gehörte, mit Theaterleuten bekannt zu sein oder gar mit ihnen zu verkehren.

Und wörtlich sagt noch einmal der geborene Senftenberger:“ So eine Bekanntschaft oder gar Freundschaft mit den Leuten des Theaters, dass steigerte schon das Ego. Es war immer ein besonderes Gefühl des Stolzes, dass man mit den Schauspielern oder Sängern, besondere Leute in seiner Stadt hatte.“

Und so erfuhren die Theaterleute hier eine ganz besondere Aufmerksamkeit. In den Gesprächen, welche ich mit ihnen betreffs der Theatergeschichte geführt habe, wird dies unabhängig von den jeweiligen Zeiten immer wieder deutlich. So sprach Margit Schaumäker, sie war von 1947-49 hier engagiert von einem „Du- Publikum“. Auf der Straße oder im Geschäft angesprochen zu werden, somit ein besonderes Dankeschön zu erhalten war hier ganz normal und so unterschiedlich zu Berlin, wo man lange anonym war.

Auch erinnerte sie sich der Geschenke, welche zur Premiere an die verschiedensten Darsteller überreicht wurden. Da standen die Senftenberger Kaufleute oder Handwerker, Bäcker- und Fleischermeister im Gang des Saales und warteten auf die Einzelverbeugung der Akteure. War ihr Liebling an der Reihe, dann gingen sie nach vorn und übergaben oftmals Körbe, gefüllt mit Delikatessen der damaligen Zeit. Ein Tenor bekam einst ein lebendiges Kaninchen überreicht, erinnerte sich Bodo von Swieykowski.

Und Dietlind Stahl, welche in den 60. Jahren hier am Theater spielte, bekam schon Mal ein paar Südfrüchte zusätzlich über oder unter den Ladentisch gereicht. Viele Senftenberger liebten eben ihre Theaterleute ganz besonders und für sie blieben sie „Senftenberger“, auch wenn sie längst an großen Theatern des Landes oder gar bei Film und Fernsehen eine außergewöhnliche Karriere machten. Und ich glaube, dass ist auch heute noch so.

Hans-Peter Rößiger

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