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Von einer 60-jährigen Freundschaft

Dienstag, 21.02.2012
 (Horst Schönemann)
Horst Schönemann

Oberspreewald-Lausitz/Senftenberg. Am 7. Februar 2012 gab es am Deutschen Theater in Berlin die gefeierte Uraufführung des von Tobias Rausch sowohl entwickelten, wie inszenierten Dokumentar-Stückes „Oder-Bruch“. Eine dramatische Bearbeitung der Hochwassserflut im Oderbruch von 1997. Auf der Bühne, Juschka Spitzer, Marco Matthes, Friedrich Rößiger von der Neuen Bühne Senftenberg und Barbara Schnitzler, Barbara Heynen und Bernd Stempel vom Deutschen Theater Berlin. Eine Gemeinschaftsproduktion der beiden Häuser, welche ohne Frage etwas Einzigartiges in der deutschen Theaterlandschaft darstellt und gegenseitige Wertschätzung voraussetzt.

Schaut man jedoch einige Jahrzehnte in unserer Theatergeschichte zurück, wird man schnell feststellen, dass ein Miteinander dieser beiden Häuser, einst so ungewöhnlich gar nicht war, sondern fester Bestandteil jahrelanger Theaterarbeit. Und wenn man dann noch den eigentlichen Beginn dieser Zusammenarbeit heraussucht, kann man erkennen, dass dieses Gemeinsame, vor genau 60. Jahren seinen Anfang nahm. Sicherlich ist diese Jahreszahl nicht der Hintergrund der aktuellen, gemeinsamen Produktion, einen Hinweis darauf doch alle Male wert.

Deshalb an dieser Stelle etwas zu jener Geschichte, welche scheinbar doch kein Ende nehmen will und die immer wieder zum hohen Ansehen unseres Theaters wesentlich beigetragen hat. Genau 1952 war es, als der Senftenberger Intendant Günter Lange, noch immer auf der Suche nach jenem geforderten begabten Regisseur, und hier vermutet der Autor, sich seines ehemaligen Kollegen aus Wernigeroder Zeiten, Horst Schönemann, erinnert, von welchem er wusste, dass dieser mittlerweile in Berlin am dortigen Deutschen Theater als Schauspieler und Regieassistent arbeitet. Ihn wollte er für die Inszenierung des Stückes „Don Gil in den grünen Hosen“ von Tirso de Molina gewinnen und hoffte nun damit der schon bekannten Forderung endlich Rechnung tragen zu können. Das notwendige Gespräch mit dem Intendanten, dem großartigem Wolfgang Langhoff, signalisierte Zustimmung, worauf er nur noch der Zusage seines „alten“ Freund Horst Schönemann bedurfte. Als auch dieser „Ja“ sagte, ahnte keiner von Beiden, welch großartige Senftenberger Theaterjahre über Jahrzehnte die Folge dieser Zusage sein sollten.

Um sich ein Bild von den Gegebenheiten in Senftenberg in Vorbereitung für seine Regiearbeit zumachen, reiste Horst Schönemann noch im gleichen Jahr, 1952, für zwei Tage nach Senftenberg. Was er hier vorfand beschreibt er in einen Brief an den Intendanten u.a. wie folgt: „Am Nachmittag des ersten Tages hatte ich Gelegenheit, das Schauspielensemble in einer Diskussion…über Begriffe wie Kultur, Realismus, sozialistischen Realismus kennenzulernen. Ich war über das geistige Niveau und Wissensbedürfnis der Kollegen dort tief beglückt. Ich hatte das nicht erwartet.“ Doch dann kommt er auf die Abendvorstellung und deren technische Voraussetzungen zu sprechen und schreibt tief erschüttert:“ Als ich abends in der Vorstellung sass und „Kabale und Liebe“ sah, dass heisst, kaum sah, man besitzt dort 6 Scheinwerfer, fühlte ich mich in die Anfangszeit unseres Friedrich Kühne versetzt. (…) Dieses kleine Theater, das geradezu eine „Missionarsaufgabe“ zu erfüllen hat, wurde in finanzieller Sicht von alles anderen als Dialektikern in die Stufe 5, die niedrigste Stufe der DDR eingestuft. Scheinbar weiss an zuständiger Stelle niemand, dass das Theater für die Zuschauer da ist, wie kann man sonst einem Theater mit grössten Aufgaben die kleinsten Mittel gewähren.“

Und er belässt es nicht bei seiner Feststellung sondern unterbreitet seinem Intendanten Vorschläge:“ Da man im gleichen Moment, in dem man dem Ensemble hilft, tausenden von Menschen in der Niederlausitz hilft, deswegen, Herr Intendant, bitte glauben sie mir das, erhitze ich mich plötzlich so für das Stadttheater Senftenberg. (…) So gering ist das künstlerische Niveau, das ich mir erlauben kann, das zu sagen. Die Kollegen dort kennen einfach die Methode der Erarbeitung nicht. Wenn man sie ihnen mitteilt, müssen sie doch bis zur Grenze ihrer Begabung besser werden. (…) Wir können doch nicht aus schauspielerischer Eitelkeit die Hände von einer Schmiere lassen, die die Aufgabe hat, die Menschen zu bilden, die uns ein besseres Leben erarbeiten.“ 2 Gemeint sind hier in erster Linie die körperlich sehr schwer arbeitenden Bergarbeiter, welche Sommer wie Winter der Hauptstadt Berlin, die nötige Energie lieferten. Und schlussfolgernd fällt der folgenschwere Satz: „ Aus all den Gründen schlage ich vor, dass wir eine kleine Patenschaft über dieses Theater übernehmen sollten.“

Gleichzeitig macht er erste Vorschläge über Möglichkeiten der Zusammenarbeit, fordert einen künftig kritischen Umgang mit der Arbeit der Kollegen, eine Auswertung der Inszenierungen, ihres Spiels künftig vorzunehmen, weil dies bisher keiner tut. Gleichzeitig bittet er um jene Technik, die für das Deutsche Theater veraltet oder nicht mehr benötigt wird und weiterhin auch um nicht mehr benötigte Kulissen. Schließlich bittet er seinen Intendanten die Verbindung zu Senftenberg aufrecht erhalten zu dürfen.

Wolfgang Langhoff ist nicht nur ein exzellenter Theatermann, sondern von großem humanem Denken. Und so antwortet er seinem jungen „Prometheus“, der Licht in das noch bestehende kulturelle Dunkel des Braunkohlenreviers bringen will:“ (…) Alles was sie aus Senftenberg berichtet haben, ist richtig und findet meine vollste Unterstützung. Ich hoffe, dass sie bei ihrer künstlerischen Arbeit in Senftenberg ( gemeint ist hier die Inszenierung des Don Gil) Gelegenheit haben werden, einen Plan auszuarbeiten, den wir sowohl der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten vorlegen können, als auch innerhalb unseres Theaters prüfen werden. Ihr Gedanke, dass wir über dieses Theater eine Art Patenschaft übernehmen ist gut“.

Am 24.10.1952 hatte Schönemann seinen Brief geschrieben, nur drei Tage später, am 27.10.1952 wurde dieser von Wolfgang Langhoff zusagend beantwortet. Das war die Geburtsstunde einer jahrzehntelangen erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Theater in Berlin und dem Senftenberger Stadttheater, welche noch heute in der deutschen Theaterlandschaft, etwas ebenso Einmaliges, wie Großartiges darstellt und gegenwärtig, genau 60. Jahre nach ihrem Beginn, eine glänzende Weiterführung erfährt.

HPR

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